Alberia #4

Endlich, endlich komme ich dazu euch vom Ende meines Wochenendes in Alberta zu erzählen, das schon wieder so weit weg zu sein scheint, nach dem ganzen Stress die letzte Woche. Freitag hatten meine Kinder nämlich schulfrei und wollten dann natürlich dauerhaft bespaßt werden. Deshalb habe ich Freitag und Samstag mehrere Stunden in Garten verbracht um Baseball zu spielen, bin in „dog-pu“ getreten, habe geholfen 3 riesige Kürbisse zu schnitzen und anschließend alle Kerne geröstet, sowie Unmengen an Kürbissuppe gekocht. Zwischendurch wurde dann natürlich auch immer wieder die Wasch- und Spülmaschine be- und entladen. Ihr seht also ich bin etwas im Stress gewesen, freue mich aber dafür umso mehr euch heute endlich wieder berichten zu können.

 

Als letztes ging es um die Fahrt von Banff nach Calgary und von dort nach Okotoks, von wo mich Tom und Tara abholten und nach Black Diamond brachten. Aber alles der Reihe nach, denn ich hatte irgendwie das Gefühl, das das Unterwegssein, das Sich-Fortbewegen – sei es zu Fuß zu wandern, im Auto oder Bus – das war wohl das Schönste an dem Wochenende, denn ich habe zu viel von dieser wunderbaren Natur hier erfahren und erleben können, was man halt einfach nicht kann, wenn man immer im selben Ort bleibt.
Das besondere an der Fahrt war die unglaublich schnelle Veränderung der Landschaft und der tolle Himmel, verursacht durch den Sonnenuntergang. Der Weg führt nämlich aus den Rockys hinaus in die Prärieebene in der Calgary liegt.

Calgary wurde um 1800 von Europäern besiedelt und war lange Zeit hauptsächlich ein Bauerndörfchen, das durch den Bau einer Zugstation ökonomisch an Wichtigkeit erlangte – bis zur Entdeckung großer Mengen an Öl. Durch ein Ölembargo in den Emiraten summt ab ca. 1970 die Wirtschaft und innerhalb von 40 Jahren stieg die Einwohnerzahl von knapp 400.000 auf über eine Millionen, die es heute hat. Mittlerweile ist die Wirtschaft hier nicht mehr nur vom Öl abhängig und Calgary ist ein beliebtes Touristenziel geworden (auch wegen den „nahgelegenen“ Schigebieten in Banff, Lake Louise und Whister), dennoch merkt man zum Beispiel an den Steuern (ca. 8% weniger als in BC), der allgemeinen Politik und an den Hochhäusern in Downtown, dass es hier viel Geld gibt.

Obwohl man das Gefühl hat bis über den Horizont hinaus sehen zu können, wenn man aus den niedrigeren, aber immer noch sehr hohen und dann plötzlich abfallenden Rocky Mountains hinaus fährt, kann man Calgary noch nicht sehen. Die Stadt liegt ca. 80km von dem Gebirge entfernt und das Land wirkt, vom Ende der Berge aus gesehen, durch die niedrige Grasbewachsung und die wenigen, vereinzelten Farmen sehr flach, obwohl es eigentlich relativ hügelig ist. Der Highway Number 1 schlängelt sich in vielen Kurven durch die Landschaft hindurch, führt an kleinen und größeren Seen und Feldern vorbei. Das ist alles schon so unfassbar schön, weil es eine so plötzliche, abrupte Veränderung der Natur ist und beide „Welten“ perfekt miteinander harmonieren, obwohl sie das totale Gegenteil voneinander sind, doch ich hatte dann auch noch das Glück die untergehende Sonne mit auf meiner Reise zu haben und DAS war dann echt unbegreiflich.

Es gibt Situationen im Leben, die möchte man einfach irgendwie festhalten können. Ich wünsche mir dann meistens ein Foto, dass die Realität, so wie sie wirklich war, darstellt. Aber da das leider nicht funktioniert, mache ich mir für ein paar besondere Momente Platz in meinem Hirn und speichere ein Bild oder eine Szene ab, damit ich sie immer wieder abrufen kann. Auf dieser Busfahrt habe ich mir so eine Art kleines Video für mein Hirn gemacht und versuche es euch zu beschreiben: Ich sitze in einem Bus, eigentlich sind eher komische Personen in dem Bus, aber ich kann sie, die Nase an die Fensterscheibe gedrückt, völlig ausblenden, denn ich bin fasziniert von den Vögeln. Zwei oder drei Gruppen von ihnen suchen ihren Weg, wohin wissen sie nicht, aber irgendetwas zieht sie in die richtige Richtung, sie schweben im Wind, obwohl es scheint, als ob nicht einmal ein Hauch davon über die weiten orange, gelb gefärbten Wiesen schleicht. Sie verändern ihre Flugformation – dauerhaft, es ist etwas so aktives, lebendiges gegenüber den unendlichen Feldern und Weiden und dem Himmel, der durch die untergehende Sonne von Hellblau, über orange, weiß, rot, gelb bis zum tiefsten blau gefärbt ist und nur durch vereinzelte lange, weiße, dünne Wolkenfetzen unterbrochen wird. Sie zeugen vom Wind, gegen den die schwarzen Vögeln ankämpfen. Wenn ich meinen Kopf nach links drehe und auf den Weg zurück sehe, den ich bereits hinter mir gelassen habe, sehe ich zwischen den Gipfeln der hohen, beängstigenden, beeindruckenden und doch so schönen grün-grauen Bergen eine riesige Gewitterfront hängen. Dunkelgraue, fast schwarze Wolken, lassen das gesamte Gebirge bedrohlich und kalt wirken. Das ist wunderbar faszinierend und schön anzusehen, obwohl es das eigentlich nicht ist, doch ich weiß, ich bin sicher und frei im Flug mit den Vögeln, der Wind ist mein Gegenspieler und mein Helfer gleichermaßen.
Und dann bin ich wieder in dem Bus, der mich nach Calgary bringt.

Ich war wirklich fasziniert von diesen Vögeln und ich rufe es, wie jedes andere dieser Bilder in meinem Kopf, gerne ab. In meinem Kopf gibt es nicht wirklich ein Ende dieser Erinnerung, es ist eher wie ein Traum ohne Ende, aber ich weiß noch sehr genau, wodurch ich von dem wunderbaren Spiel mit der Natur abgelenkt wurde. Häuser! Genauso abrupt, wie die Berge aufgehört haben, fingen die Vororte von Calgary an. Zuerst nur große Farmgebäude, Baumschulen, ein Freizeitpark und das grüne Gelände der olympischen Winterspiele von 1988 mit Tubes, Schiliften und Schisprungschanzen und dann Häuser – maximal 3-stöckige Häuser soweit das Auge reicht! Und hinter jedem erklommenem Hügel wurden es mehr davon. Während der circa 20 minutigen Fahrt zur Greyhoundstation westlich des Stadtzentrums von Calgary konnte man einige Unterschiede der Häuser ausmachen, aber trotzdem ist Calgary die Stadt der Einfamilienhäuser schlechthin, denn keiner will „in der Stadt“ wohnen, sondern fährt lieber täglich 2-3 Stunden mit dem Auto oder Skytrain zur Arbeit nach Downtown und wieder hinaus in sein Häuschen. Deshalb ist die Einwohnerdichte dieser Millionenstadt auch relativ klein mit 1300 Einwohnern pro qkm, München hat dagegen 4600 Einwohner pro qkm und gibt 400,000 mehr Menschen Lebensraum auf einer fast 1/3 so großen Fläche wie Calgary. Da bemerkt man mal wieder die Ausmaße dieses Landes und die Unmengen an Platz, die es hier gibt…

Jetzt aber genug gelabert! Am Ziel angekommen, war es sehr spannend mit dem Bus, indem ich saß in eine Garage für Busse hinein fahren zu können, die direkt eine riesige Wartehalle angrenzte. Dort habe ich, bei dem Versuch mich zu orientieren eine super nette Deutsche Work and Travellerin kennen gelernt, die sich sehr spontan dazu entschieden hat nach Mexiko zu fliegen, um dort Spanisch zu lernen – ihre Erzählungen haben mich doch schon seehr gespannt gemacht auf mein Leben und das Reisen nach dem halben Jahr hier aber alles mit der Ruhe. 😉 Da ich circa 2 Stunden auf meine Bus warten musste, haben wir uns entschieden gemeinsam nach Downtown Calgary zu fahren um uns die superhohen Arbeitstürme anzusehen, die das Stadtbild neben der unendlichen Weite an Häusern sonst prägen. Aber neben einer Art Fernsehturm mit horrenden Preisen für eine Liftfahrt, einer Art Theater und einem Restaurant, konnten wir wirklich nur Häuser sehen – nichts anderes! Es war trotz Samstagabend einfach totenstill in den weiten Gassen zwischen den riesigen Glastürmen. Auch wenn wir nichts Interessantes zu sehen hatten, haben wir die Zeit genossen und uns – auf Deutsch – über Gott und die Welt ausgetauscht, was super lustig und interessant war. 🙂

Die Zeit in Calgary, war dann auch viel zu schnell vorbei und ich bin mit dem Skytrain zurück zur Busstation gefahren, habe dort noch kurz gewartet und bin dann durch das mittlerweile dunkle Calgary nach Okotoks, ein Dörfchen im Süden von Calgary gefahren, wo ich als einzige ausstieg und nach etwas Suchen dann auch endlich von meinen Gasteltern abgeholt wurde, mit denen ich dann zu dem Vater meiner Gastmutter und dessen dritter Ehefrau, also den Großeltern meiner Hostkids, gefahren bin. Dort bin ich dann auch sofort glücklich und erschöpft durch die ganzen Eindrücke an dem Tag ins Bett gefallen. Zum einen war ich etwas traurig, dass ich nicht mehr im wunderschönen, lustigen Banff alleine und auf eigene Faust unterwegs war, zum anderen, war ich aber auch unglaublich dankbar dafür hier in Kanada so etwas wie eine eigene Familie zu haben, zu der man immer zurück kommen kann und die einen herzlichst Willkommen heißt und sich total freut einen zu sehen. Das wurde mir erst dort bewusst, als ich es nicht mehr hatte, wie das halt immer so ist. 😉 Trotzdem war das bisher eine meiner besten Erfahrungen, die ich gemacht habe!

 

Alles Liebe und bis zum nächsten und FINALEN Blogbeitrag über mein Wochenende – bis dann!

 

 

Eure Anna

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Anna Langschwert

Hallo! Ich bin ein abenteuerlustiges und vielleicht ein bisschen verrücktes 19-jähriges Mädchen und lebe im Moment in Kanada, um dieses wunderschöne Land zu bereisen und zu überlegen, was ich ab 2016 studieren will. Ich freue mich, wenn du mich auf meinen Abenteuern begleitest. Alles Liebe Anna :)

3 Gedanken zu „Alberia #4“

  1. Wie schön du Erlebnisse beschreiben kannst ist sehr beeindruckend. Da vermisst man die Fotos schon gar nicht mehr, denn die Filmkopie läuft im Kopf des Lesers 🙂

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